Diskussionen zu unseren Bezügen zu den Welsern und Fuggern basieren auf den Erkenntnissen, dass weißsein „ein Produkt der Geschichte“ (Frankenberg 1996: 56) ist und wir als weiß positionierte Personen in der „kolonialistischen Mentalität und rassistischem Wissen verwurzelt“ (Arndt 2002: 175) sind. Die konstruierten Ideologien zur Legitimation der Kolonisierung erschufen mächtige rassistische Wissensarchive (vgl. Walgenbach 2009: 379), die auf Grund mangelnder gesellschaftlicher und aber auch unserer individuellen Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte bis in die Gegenwart und in uns hineinwirken (vgl. Arndt 2002: 175).
Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelten sich Wissenschaften wie Biologie, Medizin, Philosophie u. a., welche die soziale Stellung von Individuen nicht mehr aus der Bibel legitimierten, sondern als vermeintlich natürlich darstellten. In diesem Zuge kam es zu der „wissenschaftlichen Erfindung von ‚Rassen’“ (Walgenbach 2009: 379), an der Wissenschaftler_innen ganz Europas beteiligt waren (z. B. Johann Friedrich Blumenbach, Arthur de Gobineau, Houston Stewart Chamberlain, Charles Darwin, Immanuel Kant u. a.). Es entstand ein machtvolles Wissensarchiv, auf dessen Grundlage Rassismus und fortan Kolonisation legitimiert wurden und welches das „Selbstverständnis [..] der weißen EuropäerInnen“ (ebd.) bestimmte.
„Biologistische Konzepte wie ‚Blutsverwandtschaft‘, ‚Stammeszugehörigkeit‘ oder Volkstum‘ (ebd.: 381), die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts durchsetzten, wurden verwendet, um zu einem „Verständnis einer homogenen deutschen Nation zu gelangen“ (ebd.), welches durch Wissenschaftler_innen, Schriftsteller_innen u. a. weiter verbreitet wurde und im Staatsbürger_innenrecht in das Abstammungsprinzip mündete. So hatten weiße deutsche Kolonisator_innen bereits sehr früh die Vorstellung einer „’rassischen‘ Überlegenheit’“ (ebd.).
Das Nicht-Thematisieren von weißsein und die gleichzeitige Universalisierung aller Menschen (colour-blindness) sind weiße Strategien, die die weiße Machtstruktur unsichtbar machen. Dies führt u. a. zur Re_Produktion von sozialen Ungleichheiten, in der uns als weiß positionierten Personen eine hohe Statusposition zukommt (vgl. Wachendorfer 2009: 533). Wir als weiß positionierte Personen agieren als Subjekte „rassistischer Prozesse und [als Akteur_innen] […] rassistischer Handlungen“ (Arndt 2002: 170).
Unsere weißen Privilegien basieren auf der Unterdrückung von Personen, die zu Anderen gemacht wurden und immer noch gemacht werden. Wir als weiß positionierte Personen sind durch rassistische Strukturen privilegiert. Dies alles hat Tradition und diese wurzelt in der Kolonialgeschichte.
Folgende „Privilegierungen [..] [verstehen wir als] Effekte von Machtverhältnissen […] und Herstellungsprozessen von sozialen Positionierungen“ (Tudor 2011: 64).
Wir als weiß positionierte Personen werden als Individuen nicht als ‚fremd‘, sondern als zugehörig und somit als Mitglied der Bevölkerung betrachtet. Wir müssen uns weder dafür rechtfertigen, dass wir in Deutschland leben, denn es gilt die „Gleichsetzung von Deutschsein mit weißsein“ (Wollrad 2003: o. S.), noch warum wir überhaupt so existieren, wie wir sind. Wir dürfen uns selbst und andere weiß positionierte Personen benennen, aber auch nicht-weiß positionierte Personen dürfen von uns benannt, eingeteilt und kategorisiert werden, ohne dass wir Konsequenzen erwarten müssen. Wir selbst können, „unsichtbar, unbenannt, unmarkiert“ (Wachendorfer 2001: 87) bleiben und dennoch die Normen setzen. Wir können uns über als anders konstruierte Kulturen lustig machen, uns Teile aneignen, ohne aus der Dominanzkultur ausgegrenzt zu werden. Wir können uns so benehmen, als hätten unsere ethnischen Zugehörigkeiten keine Relevanz, und wir müssen Unbekannten gegenüber nicht erklären, woher wir kommen. Wir können, in Abhängigkeit und im Zusammenspiel mit anderen Facetten unserer Positionierungen, in der Öffentlichkeit anonym bleiben. Wir müssen keine Angst vor Verdächtigungen oder Kontrollen haben, die wegen unseres vermeintlich anderen Aussehens erfolgen (vgl. Sow 2009: 42f). Wir scheinen ein „unausgesprochenes Recht auf Unschuldsvermutung“ (Wachendorfer 2009: 531) zu haben. Wir haben keine Erfahrung mit rassistischer Diskriminierung und können aufgrund des Besitzes von bestimmten Staatsbürger_innenschaften ungehindert die ganze Welt bereisen (vgl. Sow 2009: 42f).
Das Wissen, welches wir als weiß positionierte Personen re_produzieren, wird als vermeintlich objektiv und neutral wahrgenommen. Meinungen, die wir vertreten, können einen großen Einfluss haben. Das dominante Wissen um uns herum ist weiß. Wir dürfen bestimmen, inwiefern Wissen von nicht weiß positionierten Personen relevant ist (vgl. ebd.: 43). Wir und andere weiß positionierte Personen haben die „Definitionsmacht in der Gesellschaft“ (Wachendorfer 2001: 95) und viele geben sich weiter unreflektiert dem „Phantasma weiße[r] Überlegenheit“ (Dietrich/Strohschein 2015: 117) hin.