Es gibt nicht DIE eine deutsche Kolonialgeschichte. Es existiert eine „Vielzahl von Geschichten einzelner Kolonialismen“ (Osterhammel 2001: 29). Noch vor der brutalen europäischen Expansion im 16. Jahrhundert waren Deutsche an kolonialen Aktivitäten beteiligt:
Die Kimber_innen und Teuton_innen waren zwei von vielen germanischen Bevölkerungsgruppen, welche als Ursprung der Deutschen gelten. Sie verließen um 120 v. Chr. ihre Siedlungsstätten in Jütland (im heutigen Dänemark) und begaben sich nach Süden. Als mögliche Gründe werden eine Sturmflut in Nordwestjütland und auf den Nordfriesischen Inseln und/oder die Auszehrung der heimischen Böden genannt. Im Süden gerieten sie in militärische Konflikte mit den Römer_innen, die sie letztendlich verloren. Kriegerische Auseinandersetzungen, Plünderungen und Überfälle zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Europa waren zur Völkerwanderungszeit (ca. 375 – 586 n. Chr.) keine Seltenheit. 378 n. Chr. erkämpften sich die germanischen Westgot_innen ein Territorium (Pannonien) im Römischen Reich, welches als erste deutsche Kolonie bezeichnet werden kann (vgl. Graudenz/Schindler 1984: 11). Die erste Kolonie außerhalb des zeitgenössischen europäischen Territoriums entstand, nachdem Vandal_innen in das Gebiet des heutigen Spaniens eingefallen waren und von dort aus nach Nordafrika segelten um unter König Geiserich durch Plünderungen und Belagerungen von Gebieten im heutigen Marokko und Algerien das vandalische Reich in römisch Africa (429 n. Chr.) zu gründen (vgl. ebd: 12).
Zu Beginn des von Europa ausgehenden Kolonialismus im 16. Jahrhundert waren Deutsche an „der Erforschung, am Aufbau, Ausbau und an der Durchsetzung der europäischen Expansion […] [sowie] am transatlantischen Handel mit versklavten Personen“ (Dietrich/Strohschein 2015: 115) und an der Bekämpfung der massiven Widerstände beteiligt.
An diese Zeit knüpft unser Erkenntnisinteresse an, denn mit der Kolonialisierung des heute als amerikanischer Kontinent bezeichneten Territoriums Abya Yala, „waren Hoffnungen einzelner […] Handelshäuser auf eigene koloniale Besitzungen verbunden“ (ebd.). Zwei dieser Handelshäuser waren die Welser und die Fugger. Die Beteiligung der Deutschen wird in populären und wissenschaftlichen Rezeptionen gerne auf die späte Phase des Kolonialismus, also vom späten 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg datiert, jedoch scheint auch eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Phase an der „kolonialen Amnesie […], die als tragendes Element des weißen kollektiven Gedächtnis[ses] fungiert“ (Aikins/Hoppe 2015: 522) zu scheitern. Die früheren kolonialen Aktivitäten werden fast gänzlich ignoriert oder glorifiziert.