In Berlin gibt es trotz der erheblichen Beteiligung an Menschenhandel und Ausbeutung nach unseren Recherchen zu der Fugger- und der Welserstraße im Gegensatz zu z. B. der Lüderitzstraße oder der Petersallee bis dato noch keine Ambitionen auf diese verdrängten historischen Fakten aufmerksam zu machen. Das wollen wir mit dieser Intervention ändern und an die wichtige bereits geleistete Arbeit von z. B. Berlin Postkolonial anknüpfen.Vor der Umbenennung
Nachdem die koloniale Namensgebung des bekannten ‚Afrikanischen Viertels‘ im Wedding von 1899 bis 1958 laut Ha (2009: 110) als Kompensation des deutschen Kolonialtraumas stattfand, erhielten auch die Fuggerstraße (Umbenennung eines Teilstücks der Augsburgerstraße ) und die Welserstraße (Umbenennung der Bayreuther Straße) in Schöneberg zum Ende dieser Phase hin am 29.10.1957 bzw. am 28.3.1958 ihre Namen. Die Straßennamen sind dabei symbolische Manifestationen jener Ideologie, die dem Kolonialismus als Legitimation diente, und vor allem durch ihre unhinterfragte Unangetastetheit Zeichen des bis heute gegenwärtigen Rassismus (vgl. Aikins/Hoppe 2015: 521). Durch die Verdrängung und Verdeckung der kolonialen Verstrickungen der beiden Handelshäuser und der gleichzeitigen Um_Benennung von Straßen nach ihnen, erfolgt eine Darstellung und Glorifizierung der beiden Familien als große und unfehlbare Kaufleute.seit der
Des Weiteren sind diese Straßennamen Teil des weißen deutschen Wissensarchivs und dienen dabei der Orientierung – nicht nur in der Stadt, sondern auch in der Geschichte. Sie sind nicht nur Hinweisschilder, sondern Träger von Geschichte, die eine starke Symbolkraft haben. Der (Nicht-)Umgang mit den Straßennamen ist hierbei kennzeichnend für das weiße kollektive Gedächtnis.Es entstammt einer ignoranten Ent_wahrnehmung (post)kolonialer Zusammenhänge, welche sich in einem sehr geringen Bewusstsein und Wissen über Folgen des Kolonialismus zeigt.
Dies erscheint merkwürdig, wenn mensch betrachtet, dass es in Deutschland „eine verbreitete Kultur des kritischen Erinnerns und Gedenkens gibt, die bis in die Schulcurricula hinein verankert ist“. Der Kolonialismus ist laut Aikins/Hoppe (2015: 525) „eine häufig übersehene, dennoch offensichtliche Leerstelle in Deutschlands Erinnerungskultur.“. Für Ha (2009: 105) bezeichnet die sekundäre Kolonisierung hingegen eben gerade „keine Leerstelle, sondern eine gesellschaftliche Dynamik, die immer wieder durch ein Set von Machtpraktiken hergestellt wird. In ihr werden nicht nur die Kontinuitäten, Übergänge und Brüche, sondern auch die realgeschichtliche Kolonisierung selbst immer wieder neu mit einem weißen Schleier des Schweigens überzogen. Auf der anderen Seite werden die Schwarzen Subjekte, die oftmals auch als Opfer widerständig gehandelt haben, durch die Täterverehrung in den hegemonialen Diskursen erneut viktimisiert. […] Durch diese erinnerungspolitische und geschichtsmächtige weißwaschung der Geschichte wurde eine komfortable Scheinwelt für weiße MetropolenbewohnerInnen aufgebaut und stabilisiert.“

Durch die Markierung und Problematisierung des affirmativen kolonialen Gedenkens im öffentlichen Raum durch die Straßennamen wollen wir versuchen mit kolonialen Traditionen zu brechen und der dominanten Perspektive jenes Wissen entgegenzusetzen, das als Teil kolonialer Aggression unsichtbar gemacht oder gar ausgelöscht werden sollte (vgl. Aikins/Hoppe 2015: 523).
Straßennamen sind dabei auch politisch. Namen, die an das nationalsozialistische und SED-Regime erinnerten, wurden mit Hilfe der Ausführungsvorschriften zu § 5 des Berliner Straßengesetze vom 29. 11.2005 geändert, da sie „nach heutigem Demokratieverständnis negativ belastet sind und [deren] Beibehaltung nachhaltig dem Ansehen Berlins schaden würde“ (Ausführungsvorschriften zu § 5 des Berliner Straßengesetze, zit. in: Aikins/Hoppe 2015: 523). Damit existiert eine Gesetzesgrundlage zur Umbenennung von Straßen und ein Unrechtsbewusstsein, was antidemokratische Verehrung betrifft.