Das bestehende Wirtschaftssystem ist bestimmt durch „Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse, die [..] durch die [gewaltvolle und kolonialistische] Expansion Europas seit dem Ausgang des europäischen Mittelalters und durch die Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise in Europa“ (Elsenhans 2007: 29) entstanden sind.

Die Wurzeln des europäischen Frühkapitalismus liegen in den mittelalterlichen Städten, so auch in Augsburg, von wo aus die Fugger und Welser agierten. In diesen Städten trafen zahlreiche Händler_innen und Waren aufeinander und das Wirtschaftsgeschehen wurde kaum reguliert. Neben den Bank-, Kredit- und Versicherungsunternehmen entstand auch das Verlagswesen, was z. B. vorherige Handwerksmeister_innen zu Lohnabhängigen machte und sie damit fortan der Gefahr ausgesetzt waren von den Arbeitgebenden ausgebeutet zu werden. Es entwickelte sich eine am globalen Markt orientierte Wirtschaftsstruktur. Die globale Ausrichtung war aufgrund der Kolonialreisen durch Europäer_innen und der damit erlangten Kenntnisse über entfernte Märkte und Handelsrouten möglich geworden. Diese Ausrichtung der europäischen wirtschaftlichen und kolonialen Aktivitäten führte auch zum „Versklavungshandel als erste Welle einer unausgewogenen Globalisierung“ (Ofuatey-Alazard 2015a: 108) und so lässt sich ein großer Teil der heutigen weltweiten ökonomischen und politischen „Dominanzstrukturen auf die Zeit des Kolonialismus zurückführen“ (Ofuatey-Alazard 2015b: 139).

Im Rahmen dieser Ordnung existieren Personen mit unterschiedlichen Erfahrungen in Bezug auf Kolonialismus und Ausbeutung: zum einen die Profitierenden, die sich gegenüber den Ausgebeuteten in einer privilegierten Position befinden, und zum anderen die Ausgebeuteten, die im globalen System gesellschaftlich, politisch und ökonomisch benachteiligt werden. Die „Globalisierung der Wirtschaft [kann] als eine mit der kapitalistischen Entwicklung einhergehende, notwendige und fortdauernde Kolonisierung“ (Bennholdt-Thomsen/Mies 1997: 11) begriffen werden, denn die ökonomische Situation, in der Menschen heute auf derzeitigem deutschem Territorium leben, basiert auf der gewalttätigen Annektion von Kolonien, der „Ausbeutung ihrer Rohstoffe und der menschlichen Arbeit“ (ebd.: 41). So ist die Entwicklung von globalem Kapitalismus und Kolonialisierung zeitgleich und ursächlich verknüpft, denn ohne die Kolonien „wäre die Unternehmerklasse nicht in der Lage gewesen ihre industrielle Revolution zu beginnen; […]. Der Kolonialismus war die materielle Voraussetzung für die Steigerung der Produktivität menschlicher Arbeit, die die industrielle Expansion erst ermöglichte“ (ebd.).

Das heißt, die Lebenswelten der Profitierenden, ihr materieller Wohlstand, die Prestigegüter, die sie besitzen oder erwerben können, sind nur möglich, weil schon vor 600 Jahren deutsche Kaufleute begonnen haben andere Menschen und ihre Ressourcen auszubeuten und dies heute weiter fortgesetzt wird, denn „[…] colonislism is a constant neccessary condition for capitalist growth“ (Shiva 1990: 189).

Die sogenannte „Entwicklungspolitik oder ökonomische Wachstumspolitik [scheint] nichts anderes […] als die Fortsetzung des Kolonialismus mit anderen Mitteln zu sein“ (Bennholdt-Thomsen/Holzer/Müller 1999: 15). Die formelle Unabhängigkeit „der ehemaligen Kolonien […] hat nicht das Ende des westlichen Imperialismus herbeigeführt“ (Dhawan 2011: 12). Es kann von einem „nach wie vor rassifizierte[n] ungerechte[n] Wirtschaftssystem“ (Ofuatey-Alazard 2015: 136) gesprochen werden. Rassismus kann als Bedingung verstanden werden, die den „kapitalistischen Produktionsprozess und die ihn unterstützenden globalen und innergesellschaftlichen Machtverhältnisse“ (Zinflou 2007: 62) aufrechterhält. Die Profitierenden des Systems legitimieren strukturellen Rassismus, „kulturelle Unterordnung und ökonomische Ausbeutung […] im Namen von Fortschritt, Entwicklung und Demokratie und dem Schutz von Gleichheit und Freiheit“ (Dhawan 2011: 15). Die rassistische Perspektive erlaubt es darüber hinaus, „die gewalttätigen Konflikte weltweit nicht als Folge und Instrument herrschender globale[r] Machtverhältnisse zu verstehen, sondern als ‚barbarischen Urzustand’, angesichts dessen sich diese Machtverhältnisse als bessere Alternative durchsetzen müssen“ (Zinflou 2007: 62). „Fragen der Werteerziehung (kapitalistische Wirtschaftsweisen, liberale Demokratie […]) werden in den internationalen Beziehungen“ (Ha 2007: 124) instrumentalisiert, um Interventionen zu legitimieren. Hier sind eindeutig koloniale Kontinuitäten erkennbar, wie Missionsgedanken der Profitierenden, die sich als „Norm-Produzenten“ (Dhawan 2011: 14) darstellen.

Rassismus rechtfertigt des Weiteren auch in wirtschaftlichen Zentren „ökonomische Sondersphären [z. B. in der Landwirtschaft, im Baugewerbe, in der Sexarbeit, in der Reproduktionsarbeit usw.], die von gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen und Standards teilweise abgekoppelt werden können“ (Zinflou 2007: 63) und so zu sehr prekären Tätigkeitsfeldern verkommen.

Im gegenwärtigen globalisierten Wirtschaftssystem akzeptiert die Mehrheit der profitierenden Personen, dass andere Menschen ausgebeutet, gefoltert, getötet und versklavt werden, damit z. B. günstige Kleidung und Handys zur Verfügung stehen. Das Wachstumsparadigma beinhaltet seit Beginn „in einer begrenzten Welt notwendigerweise, daß irgendwelche ‚anderen‘ […] die Kosten dieses Wachstums zu tragen haben“ (Bernholdt-Thomsen/ Mies 1997: 36) und „jegliche Gegend wird zur Kolonie des Kapitals“ (Bennholdt-Thomsen/Holzer/Müller 1999: 16).

Somit profitieren wir als weiß positionierte Personen, die in einem der „kolonialistisch hergestellten Zentr[en] der Weltwirtschaft“ (ebd.: 15) leben und als deutsche und Schweizer Staatsbürger_innen gelten, von der ökonomischen Situation, die durch koloniale Zusammenhänge und somit auch von der fortgesetzten Ausbeutung und Benachteiligung von Personen entstanden ist. Trotz eines immer weiter wachsenden Bewusstseins erwerben wir z. B. manchmal noch immer Textilien, die unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt werden, und haben Mobiltelefone, deren Bestandteil Coltan von versklavten Menschen z. B. im Kongo abgebaut wird.

Wir wollen die sozialisationsbedingte verinnerlichte „Grenzziehung zwischen dem [..] westlichen ‚Wir’ und dem kategorischen Anderen, [..] [die] eine innergesellschaftliche wie transnationale Hierarchie konstituiert und stabilisiert“ (Ha 2007: 122), in uns aufbrechen.

Trotz der Erkenntnis, dass unsere eigene finanzielle Situation den Erwerb von fair gehandelten und produzierten Konsumgütern beeinflusst und ggf. erschwert, kritisieren wir unser Konsumverhalten, nehmen uns selber als Teil der Problematik wahr, wollen uns nicht weiter durch den Kauf von Waren mit der Ausbeutung von Menschen einverstanden erklären und streben eine anhaltende Hinterfragung unserer eigenen Kompliz_innenschaft an (vgl. Dhawan 2011: 31).

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